Sprachlosigkeit im Angesicht des Todes

Musiktherapie in der Onkologie

 

Die Sprachlosigkeit von der ich hier sprechen will, ist eine die beide Seiten betrifft, die des Patienten, und die des Therapeuten.

Ich denke an eine bestimmte Situation. Vor ca. 4 Wochen bekam ich eine Zuweisung/Anmeldung für eine Patientin. Eine 34jährige Frau, mit metastasierendem Mamma-CA. Sie hat ein 16 Monate altes Kind. Das steht in der Anmeldung und ich denke, das diese Frau gerade einmal acht Jahre jünger ist als ich, dass sie sehr wahrscheinlich eine schlechte Prognose hat. Augenblicklich stellt sich beim Lesen der Anmeldung ein Gefühl ein, ein Gefühl der eigenen Endlichkeit. Anfangs bin ich oft sehr ambivalent, ob ich stark genug bin, mich einer solchen Situation zu stellen, oder es lieber lassen soll, oder den Besuch auf einen anderen Tag verschieben soll. Wie ich reagiere ist von meiner jeweiligen Tagesform abhängig. Dieses Mal entscheide ich mich diese Frau aufzusuchen und einen Termin für eine Musiktherapiestunde auszumachen.

Ich gehe auf die Station und suche das Zimmer der Patientin auf. Bevor ich anklopfe muss ich meist einen Moment innehalten und mich zentrieren, denn oft ist der Anblick der schwerstkranken Patienten kaum auszuhalten. Dazu kommt immer auch noch diese besondere Atmosphäre die in Krankenhäusern entsteht mit all den Apparaturen die um das Krankenbett stehen. Hinzukommen noch Gerüche und all das was noch zu sehen ist, an Schläuchen mit körperfremden- oder körpereigenen Flüssigkeiten.

Oft denke ich: „Du bist nie richtig auf diese Tätigkeit vorbereitet worden, weder in deiner Ausbildung noch sonst wo!“

Aber wie sollte diese Ausbildung bzw. Vorbereitung auch aussehen. Die meisten Musiktherapeutischen Ausbildungen bilden ja ausschließlich den psychotherapeutischen Zweig aus, der medizinische wird ja völlig außer Acht gelassen. Manchmal denke ich, dieser Weg ist vielleicht für die meisten Musiktherapeuten zu profan.

Gut, nun wieder zurück. Ich klopfe an und werde hereingebeten. Die Patientin ist nicht alleine, ihre Schwester und der Mann der Patientin sind anwesend. Die Schwester so stellt sich im Gespräch heraus, begleitet die Patientin. Ich frage beide, ob sie Musiktherapie mögen und erkläre ihnen, wie die Musiktherapiestunde vor sich gehen wird. Die Patientin ist sehr schwach, so dass an eine aktive Musiktherapie nicht zu denken ist. Aus diesem Grund schlage ich Beiden eine rezeptive Therapie vor. Wir beschließen, dass ich am Nachmittag zu ihnen kommen werde. Obwohl ich den Eindruck habe, dass die Patientin „Präfinal“ ist, wird dies hier nicht benannt, niemand, auch ich nicht, spricht dieses Thema an.

Am Nachmittag besuche ich die Patientin und spiele für Beide eine improvisierte Musik auf der Gitarre und dem Monochord. Ich spüre deutlich wie Ruhe einkehrt und sich der Muskeltonus beider Teilnehmerinnen verändert. Spannungen lösen sich. Bei der bettlägerigen Patientin ändert sich der Atemrhythmus, er wird langsamer und ruhiger. Zwischenzeitlich, verdreht sie die Augen, so dass es aussieht als wenn sie sterben würde, dies erschrickt mich. Dann entsteht so etwas wie ein verklärtes Lächeln, zwischendurch schaut sie mich an, sie wirkt wie in einer anderen Welt.

Vielleicht ist sie dass auch schon, 2 Tage später wird sie sterben.